250 Jahre USA: Franken und Amerika
„We want to visit Franconia“: Diesen Wunsch erfüllen sich jedes Jahr zahlreiche Gäste aus den USA. Mit rund 330.000 Übernachtungen zählen die Vereinigten Staaten zu den wichtigsten Auslandsmärkten des fränkischen Tourismus. Viele Reisende kommen wegen der romantischen Städte, der Weinlandschaften oder der Geschichte. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt noch etwas anderes: eine erstaunlich enge Verbindung zwischen Franken und den USA.
Diese Beziehung reicht weit zurück. Sie erzählt von Menschen, die ihre Heimat verließen, von Unternehmern und Politikern mit fränkischen Wurzeln, vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und von einem kulturellen Austausch, der bis in die Gegenwart reicht. Anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten lohnt sich ein Blick auf diese gemeinsamen Geschichten ganz besonders.
Franken und Amerika - eine Freundschaft mit Geschichte
- Vom Main an den Mississippi
- Levi Strauss: Der Mann, der die Jeans erfand
- Neubeginn nach dem Krieg: Vom Feind zum Freund
- Rettung nach dem Inferno: Die Würzburger Residenz
- Von Würzburg nach New York: „The Sphere” in New York
- Ein Fürther prägt die Weltpolitik: Henry Kissinger
- Gelebte Freundschaft: Ambassadors of Music
- Amerika mitten in Nürnberg: Kulturaustausch im DAI
Vom Main an den Mississippi
Schon ab dem 18. Jahrhundert machten sich viele Fränkinnen und Franken auf den Weg in die Neue Welt. Vor allem der rapide Bevölkerungszuwachs, die spät einsetzende Industrialisierung und die damit verbundene Armut zwangen viele Menschen zur Emigration. Viele dieser Exilanten waren jüdischen Glaubens. Das bayerische Judenedikt von 1813 verpflichtete alle Jüdinnen und Juden, sich in die Matrikellisten ihres Wohnorts einzutragen. Allerdings hatte jede Gemeinde nur eine begrenzte Zahl von Matrikelnummern zur Verfügung, sodass die Höchstzahl jüdischer Familien in einem Ort staatlich reglementiert war.
In einer Familie mit mehreren Kindern ging die Nummer meist an den ältesten Sohn, sodass seine Brüder nicht heiraten und eine eigene Familie gründen durften. In den USA hingegen konnten sie sich ohne Einschränkungen eine bürgerliche Existenz aufbauen. Allein zwischen 1840 und 1860 verloren die jüdischen Landgemeinden in Franken daher oft über 30 Prozent ihrer Mitglieder durch Emigration.
Die erste Station für die jüdischen Emigranten war häufig New York. Doch viele zogen zusammen mit anderen Deutschamerikanern weiter nach Westen zur „Frontier“, der damaligen Siedlungsgrenze. Dort gründeten sie Existenzen, bauten Gemeinden auf und brachten ein Stück fränkische Kultur mit nach Amerika. Die Verbindungen nach Franken blieben oft über Generationen hinweg bestehen. Noch heute reisen Nachkommen fränkischer Auswanderer in die einstige Heimat ihrer Vorfahren und besuchen dort Orte, die mit ihrer Familiengeschichte verbunden sind.
Levi Strauss: Der Mann, der die Jeans erfand
Ein Stück dieser Migrationsgeschichte hat heute wohl jeder im Kleiderschrank hängen: die Jeans. „Erfunden“ hat sie Levi Strauss, der 1829 in Buttenheim in der Fränkischen Schweiz als Sohn eines jüdischen Hausierers geboren wurde. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1846 geriet die Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Zwei Jahre später entschied sich Löbs Mutter Rebecca deshalb, mit ihren drei jüngsten Kindern nach New York auszuwandern. Doch wenig später erreichten die Ostküste Nachrichten von den ersten Goldfunden in Kalifornien.
1853 entschloss sich der junge Levi, sein Glück im Westen zu suchen. In San Francisco gründete er einen Großhandel für Stoffe und Kurzwaren. Zu seinem Kundenkreis zählte der Schneider Jacob Davis. Als dieser ein Verfahren erfand, bei dem strapazierte Stellen an Hosen mit Nieten verstärkt wurden, hatte Levi eine geniale Idee: Zusammen mit Davis meldete er ein Patent für vernietete Arbeitshosen an. Zunächst wurde die Jeans der Marke „Levi’s“ aufgrund ihrer Robustheit vor allem als Arbeitskleidung geschätzt. Bald aber wurde sie „salonfähig“ und entwickelte sich zur meistgetragenen Hose überhaupt.
Heute erinnert das Levi Strauss Museum in Buttenheim an diese außergewöhnliche Erfolgsgeschichte. Dort erfahren Besucher mehr über die fränkischen Wurzeln von Levi Strauss, seine Auswanderung nach Amerika und seinen Weg zum international erfolgreichen Unternehmer. Bis zum 27. September 2026 ergänzt die Sonderausstellung „JEANSDINGE SAMMELN“ den Blick auf die kulturelle Bedeutung von Denim und Jeans in Alltag, Design und Popkultur (www.levi-strauss-museum.de).
Neubeginn nach dem Krieg: Vom Feind zum Freund
Eine weitere wichtige Phase der fränkisch-amerikanischen Beziehungen begann mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Besonders eindrucksvoll wird diese Zeit im „Memorium Nürnberger Prozesse“ sichtbar. Im historischen Saal 600 des Nürnberger Justizgebäudes standen zwischen November 1945 und Oktober 1946 führende Vertreter des nationalsozialistischen Regimes vor Gericht.
Die Prozesse markierten einen Meilenstein des internationalen Rechts und prägen das Verständnis von Völkerstrafrecht bis heute. Eine moderne Medieninstallation verbindet Filmaufnahmen mit digitalen Rekonstruktionen des Gerichtssaals und macht die Bedeutung der Nürnberger Prozesse für die Gegenwart erlebbar (museen.nuernberg.de/memorium-nuernberger-prozesse).
Rettung nach dem Inferno: Die Würzburger Residenz
Auch die Würzburger Residenz ist eng mit dieser Zeit verbunden. Ein verheerender Fliegerangriff im März 1945 hatte die historische Altstadt nahezu vollständig zerstört. Mit der Stadt brannten zugleich fast alle Dächer, hölzernen Decken und Fußböden der barocken Residenz aus. Dass die Residenz heute wieder in alter Pracht erstrahlt und zudem zum UNESCO-Welterbe zählt, verdankt sie dem amerikanischen Kunstschutzoffizier und Kunsthistoriker John Davis Skilton.
Er erkannte die herausragende Bedeutung des schwer beschädigten Bauwerks und veranlasste unmittelbar nach Kriegsende Sicherungsmaßnahmen. Provisorisch ließ er die Gewölbe abdecken und bewahrte so Fresken, Stuckaturen und das einzigartige Treppenhaus vor weiterer Zerstörung. Mehr über sein Engagement vermittelt der Gedenkraum in der Würzburger Residenz.
Von Würzburg nach New York: „The Sphere” in New York
Eine weitere fränkisch-amerikanische Geschichte begann ebenfalls in Würzburg und führt mitten ins Herz von New York. Dort schuf der in Würzburg geborene Bildhauer Fritz Koenig in den 1960er Jahren die monumentale Bronzeplastik „The Sphere“.
Seit 1972 stand das mehr als 20 Tonnen schwere Kunstwerk auf dem Vorplatz des World Trade Centers. Es gilt als die weltweit größte Skulptur der Neuzeit und ist Koenigs Hauptwerk. Er hat auch das beeindruckende Portal des Doms St. Kilian in Würzburg gestaltet.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde „The Sphere” weitgehend intakt aus den Trümmern geborgen und ist heute Teil des 9/11 Memorials. Damit erhielt das Werk eine neue Bedeutung: Aus einem Kunstobjekt wurde ein internationales Mahnmal.
Ein Fürther prägt die Weltpolitik: Henry Kissinger
Wenn von fränkischen Lebenswegen in Amerika die Rede ist, führt kein Weg an Henry Kissinger vorbei. Der spätere US-Außenminister und Friedensnobelpreisträger wurde 1923 als Heinz Alfred Kissinger in Fürth geboren. Mit seiner Familie floh er vor der nationalsozialistischen Verfolgung in die Vereinigten Staaten, wo er zu einer der einflussreichsten politischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wurde.
In seiner fränkischen Heimat begegnet man ihm unter anderem im Ludwig-Erhard-Zentrum. Die Sonderausstellung „HENRY – WORLD INFLUENCER NO. 1“ zeichnet sein außergewöhnliches Leben nach. Gleichzeitig wird die Geschichte einer jüdischen Familie zwischen Franken und Amerika erzählt und anhand von Dokumenten, Fotografien und persönlichen Erinnerungsstücken die Auswirkungen der politischen Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts gezeigt (www.ludwig-erhard-zentrum.de).
Gelebte Freundschaft: Ambassadors of Music
Die Beziehungen zwischen Franken und den USA sind längst nicht nur Teil der Vergangenheit, sondern werden bis heute durch Begegnungen, Veranstaltungen und kulturellen Austausch gepflegt. Ein Beispiel dafür sind die „Ambassadors of Music“. Jeden Sommer reisen junge Musiker preisgekrönter Highschool-Orchester nach Rothenburg ob der Tauber, um die Stadt mit ihren kostenfreien Konzerten vom 2. bis 23. Juli 2026 zum Klingen zu bringen. Vor historischer Kulisse präsentieren sie klassische Werke, Filmmusik und moderne Arrangements.
Auch im Fränkischen Seenland hält amerikanisches Lebensgefühl Einzug. So wird das Merkendorfer Altstadtfest am 11. und 12. Juli 2026 in eine Westernstadt verwandelt. Country-Musik, Line Dance und Bullenreiten sorgen für echtes Wildwest-Flair. Gleichzeitig bleibt das Fest unverkennbar fränkisch – nicht zuletzt beim kulinarischen Angebot.
Amerika mitten in Nürnberg: Kulturaustausch im DAI
Ein wichtiger Treffpunkt ist das ganze Jahr über das Deutsch-Amerikanische Institut (DAI) in Nürnberg, das 1946 von der amerikanischen Militärregierung gegründet wurde. Heute ist das DAI ein lebendiges Kulturzentrum mit Vorträgen, Konzerten, Lesungen, Filmabenden, Sprachkursen und der größten öffentlich zugänglichen englischsprachigen Bibliothek Nordbayerns.
Im Jubiläumsjahr der USA beschäftigt sich das Institut in mehreren Veranstaltungen mit Politik und Kultur der Vereinigten Staaten. So blickt ein Podiumsgespräch am 6. Juli 2026 auf die Entwicklung der transatlantischen Beziehungen. Am 9. Juli 2026 schlägt der Autor Helmut Haberkamm bei einer Lesung aus seinem neuen Roman „Der Baron im blauen Haus” eine Brücke zwischen Franken und der amerikanischen Geschichte. In dem Roman wird die Geschichte des 1721 in Hüttendorf geborenen Bauernsohns Johann Kalb erzählt, der in den USA eine schier unglaubliche Karriere machte und als hochdekorierter General im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte (www.dai-nuernberg.de).
Wer heute also auf amerikanischen Spuren durch Franken reist, taucht ein in Geschichten von Aufbruch, Neuanfang, Freundschaft und kulturellem Austausch – Geschichten, die auf beiden Seiten des Atlantiks bis heute weitergeschrieben werden.
Quelle: Tourismusverband Franken e.V.
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