FEATURE 02 - Landurlaub für Leib und Seele

Mehr Idyll geht nicht. Ein Backstein-Fachwerk-Haus am Wasser mitten im ehemaligen Grenzgebiet. Mitten in märchenhafter Natur- und Insellage. Mitten im tiefsten See Norddeutschlands, den die Gletscher der letzten Eiszeit formten und der das Kernstück des Unesco-Biosphärenreservats Schaalsee bildet. Das 150 Jahre alte Gebäude zierte einst als Wachhaus eine Brücke, die vom Ostufer des Schaalsees auf die Insel Stintenburg führt. Heute ist es eine der angesagtesten Schlemmeradressen im Land, wozu neben der fabelhaften Lage auch eine feine regionale und saisonale Küche gehört. Spezialität des Hauses: Fangfrische Maräne – ein Forellenfisch, den man am Bodensee als Felchen kennt.

„Für mich ist das einer der schönsten Plätze Norddeutschlands“, schwärmt Besitzer Johann von Bernstorff, dessen Familie bereits im 12. Jahrhundert im Schlepptau Heinrichs des Löwen in die Gegend kam. Dabei denkt der Graf weit über die Tellerränder seines prosperierenden Restaurants hinaus. Denn mit dem Brückenhaus möchte er nicht nur kulinarisch überzeugen, sondern auch Brücken schlagen – „zwischen Klassik und Moderne, zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Ost und West und nicht zuletzt zwischen Mensch und Natur.“

„Ich erpresse Äpfel gegen Geld“, grinst Jochen Schwarz ein paar Kilometer weiter doppeldeutig. In Kneese nämlich erfüllte sich der Hamburger Obstbauer vor einigen Jahren seinen Traum vom Landleben. Mit einer großen Streuobstwiese und einer kleinen Mosterei, in der er sortenreinen und naturtrüben Saft presst. Vorzugsweise aus den eigenen Äpfeln, die an 180 Bäumen prächtig gedeihen. Darunter diverse alte Sorten wie „Juwel von Kirchwerder“, „Biesterfelder Renette“ oder „Seestermüher Zitronenapfel“. Und ganz nebenbei lernt man von Schwarz einiges über Obstsorten als lebendiges Kulturerbe sowie Rolle und Bedeutung von Streuobstwiesen als Biotop.

„Klosterknopf“, „Dicke Liese“ und „Meck Prom“ wiederum sind drei von einem Dutzend toller Käsesorten, die Ute Rohrbeck aus Ziegenmilch herstellt. „Kunst und Käse“ nennt sie ihren Laden in Rögnitz, dem man ansieht, dass sie in einem früheren Leben mal als Theatermalerin und Filmausstatterin gearbeitet hat.

Im Käserei-Keller ihres Gutshauses verarbeitet Rohrbeck jede Woche fast 2.000 Liter Rohmilch in Bio-Qualität. Diese bezieht sie von 100 Thüringer Wald- und Schweizer Gebirgsziegen, die ein paar verträumte Dörfer weiter weiden. Ihre eigenen Schwarzhals- und Girgentana-Ziegen im Gatter dienen eher als niedlicher Köder – sie stimmen Besucher allerliebst ein auf die Verlockungen im Käseparadies.

Was Ziegenfrau, Apfelmann und Gastronom gemeinsam haben – sie alle gehören zur „Regionalmarke Biosphärenreservat Schaalsee“, einem von neun Projekten in Mecklenburg-Vorpommern, die seit 2012 unter dem Begriff LandArt entwickelt und gefördert werden.

„Mit LandArt wollen wir den Tourismus im ländlichen Raum fördern“, erklärt Cornelia Hass, die beim Tourismusverband MV für Landurlaub zuständig ist. Dabei gehe es darum, Netzwerke zu schaffen und erfolgreich zu etablieren. Kleine Regionen ließen sich auf diese Weise gezielt und viel besser vermarkten als es Einzelbetrieben allein möglich sei.

Am Schaalsee haben sich aktuell 78 Partner unter dem Motto „Für Leib und Seele“ in einem solchen Netzwerk zusammengefunden und hochwertigem Landurlaub verschrieben. Darunter diverse Erzeuger von erstklassigen regionalen Produkten. So gibt es zum Beispiel Lammfleisch und Wollwaren in der Drömmewitzer Pommernzucht, Bio-Milchprodukte in der Gläsernen Molkerei, edle Liköre, Fruchtaufstriche und Chutneys in Hartmanns Manufaktur. Bio-Schafskäse aus der Klein Salitzer Milchschäferei. Alles rund ums Geflügel inklusive Wachteleier und Eierlikör im Waldhof Jantzen, oder Honig und Bienenwachskerzen in der Imkerei Antholz, wo man als Clou auch einem Bienenvolk live bei der Arbeit zuschauen kann.

Für himmlisch ruhige Nächte stehen mehr als 30 urgemütliche Hotels, Ferienwohnungen und -zimmer parat: der Storchenhof Ciconia in Dorf Nesow etwa, der Forsthof in Kneese, der Kastanienhof in Bülow oder die Bauernkate Klein Thurow. Im Café „Alte Schule“ in Klein Zecher lockt ein überwältigendes Angebot an selbstgebackenem Kuchen, während man im Restaurant „De oll Dörpschaul“ in Rosenow tatsächlich in der alten Schulstube speist – auf Wunsch sogar laktose- oder glutenfrei.

Galerien, Handwerker und Künstler wie Aquarellmaler Helmut Meyer gehören ebenso zum Schaalsee-Netzwerk wie Fahrrad- und Bootsverleiher für die naturnahe Entdeckung des Sees und seiner Umgebung. Im Grenzhus in Schlagsdorf erlebt man Heimatgeschichte ganz authentisch – schließlich ging die deutsch-deutsche Grenze einst mitten durch den Schaalsee. Und wer noch sehr viel weiter zurück will in die Historie, mache einfach Station in Rehna.

Die dortige mittelalterliche Klosteranlage ist nicht nur eine der größten in Mecklenburg-Vorpommern, sie ist auch ein echtes Schmuckstück. Das ist vor allem dem örtlichen Klosterverein und seinem rührigen „Oberhirten“ Burkhard Schmidt zu verdanken, der unermüdlich und an allen Fronten für „sein“ Kloster trommelt und immer wieder Mittel und Wege findet, um es Jahr für Jahr noch ein Stück attraktiver zu präsentieren.

Mit gleicher Hingabe führt Schmidt seine Gäste durch die Klosterkirche, die mit sehenswerten Wandgemälden, Schnitzaltar, Chorgestühl, Epitaph und Orgel aufwartet; in den Kreuzgang, in dem zum Beispiel jeden Herbst exquisite Pilzausstellungen ihren tollen Rahmen finden. Refektorium, Gerichtssaal und die Parkanlage mit Kräutergarten und Kneippbecken sind weitere Stationen auf dem Gang durch das einstige Nonnenkloster, in das Lübecker Patrizier ihre Töchter zur frommen Erziehung schickten.

Ganz zum Schluss lernen wir sogar noch Klostergründer Bruder Ernestus kennen. Burkhard Schmidt zeigt uns im Innenhof dessen überlebensgroße und rustikale Statue, „die ein Kettensägen-Virtuose vor einigen Jahren aus einem Baumstamm modelliert hat“. Finales Fazit: LandArt am Schaalsee hat in der Tat erstaunlich viele Facetten.

Reise-Info Anreise

Die Schaalsee-Region liegt nur wenige Kilometer entfernt von Lübeck und Ratzeburg und ist von Hamburg und Berlin gut über die Autobahn A 24 zu erreichen.

Quelle: Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V.

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