Insel der weißen Perlen und tanzenden Hyparschalen

Sie ist eines der architektonischen  Wahrzeichen der Insel Rügen: die  Selliner Seebrücke. Fertiggestellt  im Jahr 1998 nach dem historischen  Vorbild von 1927. - Insel der weißen Perlen und tanzenden Hyparschalen

Rügen ist berühmt für seine herrschaftlichen Strandvillen, schwungvollen Schalenbauten und ehrwürdigen Seebrücken. Sie erinnern an die Zeit, in der die größte Insel Deutschlands zum mondänen Badeparadies wurde. Bis heute prägen die „weißen Perlen“ und „tanzenden Hyparschalen“ das Erscheinungsbild der Ostseebäder von Göhren bis Binz und der Orte von Putbus bis Sassnitz. Eine Zeitreise durch die bewegte Geschichte der Inselbaukunst.

Sellin: Sommerfrische für die Augen

Flaniert man durch die Selliner Wilhelmstraße, wird einem ganz leicht ums Herz. Strahlend weiß und wie Perlen an einer Kette reihen sich prachtvolle Villen aneinander. Sofort durchströmt den Spaziergänger ein Gefühl der Sommerfrische, ausgelöst durch die gesunde Ostseeluft und den Anblick der schmucken Häuser mit ihren Erkern, Türmchen und verzierten Veranden. Kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts fasste der Fürst zu Putbus den Entschluss, das Fischer- und Bauerndörfchen Sellin in einen mondänen Badeort zu verwandeln. 1896 eröffnete als erstes Hotel das „Fürst Wilhelm“ in der neuen Wilhelmstraße. Zehn Jahre später kam ein weiteres Prunkstück der Bäderarchitektur hinzu: die Seebrücke, das heutige stolze Wahrzeichen Sellins. Gerhard Parchow, ein gebürtiger Selliner, kennt zahlreiche Anekdoten aus der bewegten Geschichte des Ostseebades. So berichtet er von der sittenstrengen Moral, die Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte. „Es gab eine Bannmeile rund um das Damenbad. Und wenn doch einmal ein Herr beim Spähen durch ein Astloch im Bretterzaun erwischt wurde, konnte er seinen Namen am nächsten Tag im ‚Badekurier‘ lesen. Sehr, sehr peinlich.“ Man erfährt, dass die heutige Kurverwaltung früher ein Gemeindewarmbad war, in das Meerwasser gepumpt und für medizinische Wannenbäder erhitzt wurde. In den Pensionen stand den Gästen nur die damals übliche Waschkommode zur Verfügung. Oder er weiß von Albert Einstein zu berichten, der im Juli 1915 im Haus „Johanneshorst“ mit seiner zukünftigen zweiten Ehefrau Quartier genommen hatte und dem erst nach seinem Aufenthalt in Sellin der Beweis für seine Relativitätstheorie gelang. Gerhard Parchow ist sich sicher: „Das hatte Einstein garantiert der Heilwirkung unserer drei speziellen Zutaten zu verdanken: Selliner Licht, Luft und Wasser.“ Und fügt augenzwinkernd hinzu: „Wer hier Urlaub macht, kommt in eine ganz besondere Stimmung.“

Binz: Zukunft trifft Vergangenheit

Im größten Seebad der Insel begegnet dem Besucher ein ungewöhnlicher Mix aus futuristischen Bauten und mondäner Bäderarchitektur. Herrschaftliche Villen stehen in friedlicher Koexistenz zu den skulpturalen Schalenbeton-Bauten des visionären Binzer Landbaumeisters Ulrich Müther, dessen Entwürfe weltweit Beachtung fanden. Seiner Insel blieb der 2007 verstorbene Baumeister stets treu. So finden sich auf ganz Rügen Zeugnisse seiner Baukunst. Sein 1981 erbauter Rettungsturm am Strandzugang 6 erinnert an ein Ufo und ist heute Kult. Brautpaare lassen sich hier mit Blick auf die imposante Kreideküste von Jasmund trauen. Kann es eine passendere Kulisse für ein Jawort geben? Ebenfalls sehenswert: das wohl schönste der drei denkmalgeschützten Wolgaster Holzhäuser auf Rügen, die Villa „Undine“ an der Binzer Strandpromenade, und das im klassizistischen Stil erbaute Jagdschloss Granitz im angrenzenden Waldgebiet.

Sassnitz: Seebad von Welt

Sassnitz war immer schon etwas Besonderes. Einerseits Hafenstadt und Tor zur Welt, andererseits Erholungsort für berühmte Persönlichkeiten. Johannes Brahms, Theodor Fontane – von ihm stammt der Satz: „Nach Rügen reisen heißt nach Sassnitz reisen“ – und die deutsche Kaiserin verbrachten hier ihre Sommer. Auguste Viktoria residierte in der Villa „Martha“ in der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße. Das Rathaus in Alt-Sassnitz, 1910 als Gemeindehaus errichtet, und die Villen „Hertha“, „Anna“ und „Fernsicht“ sind weitere Schmuckstücke auf der Tour von Frank Biederstaedt. Der Leiter des Stadtarchivs bringt kulturinteressierten Besuchern Kultur und Geschichte seiner Heimatstadt näher. „Sassnitz hat sich in seiner Entstehungsgeschichte schon oft verändert. Erst waren wir ein kleines Fischerdorf, dann erwählte die gehobene Gesellschaft Sassnitz zu ihrem bevorzugten Badeort, woraufhin die Eisenbahnlinie nach Sassnitz gebaut wurde und der Hafen entstanden ist.“ Das erkläre auch den Mix aus alten Fischer- und Bauernkaten, klassizistischen Prachtbauten, herrschaftlichen Villen aus der Bäderarchitektur Ende des 19. Jahrhunderts und modernen Betonbauten wie der „Kurmuschel“ von Ulrich Müther an der Sassnitzer Promenade. Fragt man Frank Biederstaedt nach seinen liebsten Bauwerken, muss der 38-jährige Sassnitzer nicht lange überlegen: „Mein Herz hängt an den alten Fischer- und Bauernkaten.“

Baabe: Klein und fein

Im Ostseebad Baabe findet man noch etliche Reetdachhäuser, eine Reminiszenz an die Ursprünge als Fischerdorf mit seiner kleinteiligen Bebauung. Doch ein Gebäude ragt heraus: die ehemalige Gaststätte und Disco „Inselparadies“ – eine weitere Kreation von Ulrich Müther. Heute steht der Glaspalast unter Denkmalschutz. Das lichtdurchflutete, luftige Bauwerk direkt am Strand zählt zu den schönsten des berühmten Baumeisters.

Putbus: Circus und Theater

Als Fürst Wilhelm Malte die Stadt Putbus gründete, schuf er ein einmaliges Ensemble aus Architektur, Kunst und Landschaft. So wird der Circus, ein vom Fürsten angelegtes Rondell, in dessen Mitte ein neunzehn Meter hoher Obelisk steht, von einer Vielzahl klassizistischer Häuser umsäumt. Von dort führt eine Kastanienallee zu dem im englischen Stil angelegten Schlosspark mit seinen Mammut- und Tulpenbäumen; nur wenige Meter entfernt erstrahlt das ehemalige Residenztheater von 1821 in neuem Glanz. Bis heute ist es das schönste und am längsten durchgängig bespielte historische Theater in Mecklenburg-Vorpommern.

Inselbaukunst – Rügens Architektur 2019 im Fokus

Ein Ufo am Strand, ein UNESCO-Welterbezentrum mitten im Wald, Seebrücken zum Heiraten sowie einige der ältesten Bauwerke Mecklenburg-Vorpommerns – dass die Insel Rügen mehr als Sandburgen zu bieten hat, beweist die Tourismuszentrale Rügen mit ihrem Themenjahr zur Inselbaukunst. Auf einer sprichwörtlichen Reise durch Zeit und Raum widmet sie sich jeden Monat einem architektonischen Highlight der Ostseeinsel. Dieser Querschnitt porträtiert herausragende Bauten ebenso wie historische und zeitgenössische Baumeister, die auf der Insel ihre Handschrift hinterließen.

Weitere Informationen zur Inselbaukunst auf der Insel Rügen unter www.ruegen.de/inselbaukunst

Quelle: Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V.

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