Weiße Villen am Meer - Bäderarchitektur in Mecklenburg-Vorpommern

Seinen Anfang nahm das Bäderwesen 1793 im zunächst unscheinbaren Heiligendamm. Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin gründete hier auf Anraten seines Leibarztes das erste Seebad Deutschlands. Offenbar war ihm das Wasser jedoch zu kalt. Und so ließ er nach der dritten Saison ein Badehaus mit einem beheizbaren Meerwasserschwimmbecken errichten, wie es schon die alten Griechen schätzten. Schließlich beauftragte er Carl Theodor Severin mit dem Bau eines ganzen Ensembles repräsentativer Gesellschafts- und Logierhäuser. Der junge Baumeister vertrat die moderne klassizistische Berliner Schule und machte das neue Heiligendamm zur “Weißen Stadt am Meer”. Im Mittelpunkt der Anlage steht das Kurhaus, dessen Seeseite einem antiken Tempel gleicht. Mächtige Säulen tragen die Vorhalle, Stuckreliefs und goldene Lettern schmücken die schneeweiße Fassade. Das Gebäude besticht durch seine Klarheit und Konsequenz und zählt zu den bedeutendsten Häusern des Klassizismus in Norddeutschland. Bald setzte auch im sechs Kilometer entfernten Doberan rege Bautätigkeit ein. Hier entstand des Herzogs neue Sommerresidenz. Meister Severin entwarf Salongebäude, Sommerpalais und Theater, die er um einen dreieckigen Platz anordnete. In die Mitte stellte er zwei chinesische Pavillons in einer Art Postrokoko. Für die Unterhaltung der prominenten Gäste sorgte nicht nur das Theater, sondern seit 1809 auch das erste Casino des Landes. 1822 kam hier eine weitere Attraktion hinzu: die erste Galopprennbahn auf dem europäischen Festland.

Bereits kurz nach der Jahrhundertwende weilte Rügens Fürst Wilhelm Malte von Putbus in Heiligendamm und Doberan. Beeindruckt kehrte er nach Hause zurück und beschloss, in Putbus ebenfalls ein Ensemble mit antiken Zitaten zu errichten. Zentrum der Anlage ist noch heute der Circus – ein kreisrunder Platz mit strahlenförmigen Wegen zu einem Obelisken. Um das Rondell gruppieren sich 15 schneeweiße Häuser. Theater, Kursaal, Orangerie, Marstall und die Gästehäuser verkörpern den Klassizismus in seiner reinsten Form. Das in einen englischen Landschaftspark eingebettete Schloss blieb leider nicht erhalten. Nur wenige Kilometer entfernt baute Malte direkt am Strand von Lauterbach 1818 das “Badehaus Goor”. Für den exklusiven “Tempel” mit seinen 18 toskanischen Säulen ließ der ehrgeizige Fürst sogar Carrara-Marmor aus Italien liefern.

Das bürgerliche Badeleben begann ohne großen Pomp in einem windschiefen Fischerdorf – in dem vor Rostock gelegenen Warnemünde. Dort soll sich im Sommer 1817 Forstinspektor Becker aus dem nahegelegenen Rövershagen mit seiner Familie mehrere Wochen aufgehalten und bei großer Hitze Abkühlung in der offenen See gesucht haben. Er initiierte damit unwissentlich des Dorfes steile Karriere zu einem der ganz großen Bäder.

Fest steht, dass sich Adel und Aristokratie schnell für einen sommerlichen Aufenthalt an der Ostsee erwärmten und alsbald die ersten vornehmen Logierhäuser in entlegene Dörfer stellten. Pommersche Großgrundbesitzer und Berliner Bankiers gründeten sogar eine Aktiengesellschaft, die den Badebetrieb kommerzialisierte. Etwa ab 1830 konnte sich jeder, jedenfalls jeder Besserverdienende, an der See einquartieren.

Ihre Blütezeit erlebte die Sommerfrische in Mecklenburg und Vorpommern jedoch erst mit der Reichsgründung 1871. Innerhalb von 25 Jahren entstanden hier drei Dutzend Ostseebäder. Selbst für die stetig wachsende Mittelschicht waren erholsame Wochen an der See jetzt erschwinglich. Neben dem Drang nach Abwechslung und Unterhaltung ließen auch neue Heilmethoden mittels Moor, Sole, Kreide und Thermalquellen das Kur- und Badewesen boomen. Unaufhaltsam stiegen an der Küste die Gästezahlen, wobei sich die Orte durchaus unterschiedlich entwickelten.

In einigen – vor allem auf der Halbinselkette Fischland-Darß-Zingst sowie auf Hiddensee – legte man großen Wert auf alles Ursprüngliche und Traditionelle, vor allem auf die gewachsene Dorfstruktur und die regionale Baukultur. Neue Häuser erhielten, wie die alten Katen, selbstverständlich ein Schilfdach, höchstens zwei Geschosse, eine glatt geputzte Fassade ohne jeden Schnickschnack und in der Regel einen farbigen Anstrich. Einziger Luxus war – wenn man ihn sich leisten konnte – eine mit bunten Ornamenten reich verzierte Tür. Vor allem Maler und Dichter, Wissenschaftler und Denker aller Art schätzten diese eher bescheidenen und beschaulichen Bäder. Man tauschte hier Trubel und Pomp gegen die Natur.

Andernorts – vor allem auf Rügen und Usedom – tilgte man alle fischerdörflichen Attribute und stampfte über Nacht völlig neue Villenstädte aus dem feinen Sandboden. Mit Kur- und Gesellschaftshäusern, Theatern, Bibliotheken, Gärten, Seebrücken und Promenaden. Und in jeder Saison öffneten neue Hotels, neue Pensionen, Sportanlagen und Restaurants. Samt und sonders unbeschwert, leicht, verspielt, hell und heiter. Die Bäder kennen keine engen, grauen Straßenschluchten. Hier ist der Himmel nah und der Horizont unendlich weit. Ganz im Gegensatz zum preußisch-wilhelminischen Berlin mit seinen wuchtigen, hohen, strengen, ehrfurchtsvollen, schweren Bauten.

Im Handumdrehen avancierten mehrere bisher gottverlassene Nester auf diese Weise zu eleganten, ja exklusiven Vergnügungszentren von europäischem Format und die Ostseeküste mithin zu Deutschlands größter Baustelle. Doch nicht nur die Dimension war neu für die Region, sondern auch die Tatsache, dass nicht mehr nur ein Regent und sein Architekt das Projekt steuerten. Jetzt versuchte sich in jeder Baugrube ein anderer Auftraggeber und ein anderer Baumeister. Und da diese mit Geschmack, Geld und Geschick recht unterschiedlich gesegnet waren, gleicht in den Mode-Bädern kein Haus dem anderen.

Außerdem brach gerade der Historismus an. Diese „praktische” Stilrichtung gestattete es, alles bisher Dagewesene zu kopieren. Mit anderen Worten: Erlaubt war, was gefiel. Auf diese Weise entstand ein ebenso kunterbunter wie heiterer Architekturzirkus. Der pseudogriechische Tempel zwischen dem großbürgerlichen Klein Sanssouci und den Burgzinnen einer Fleischwurstfabrikanten-Villa, ritterlich Trutziges und alpenländisch Rustikales, bauchig Neobarockes und schlank Gotisches, normannische Zinnen und römische Säulen, Rokoko und Jugendstil – hier fand auf unbeschwerte, spielerische Art und Weise zusammen, was noch nie zusammen gehörte. Oder was bisher noch niemand zusammenzuführen gewagt hatte.

So ist denn dieses einzigartige Durcheinander, die unglaubliche Vielfalt auf engstem Raum das offenkundigste Merkmal der sogenannten Bäderarchitektur. Zwei weitere kommen hinzu: Die alles dominierende Farbe weiß, die die Orte hell und freundlich machte, und der Umstand, dass fast ausnahmslos jede Villa über eine Terrasse oder Veranda, zumindest aber über einen Balkon oder einen Erker verfügte. Die mit filigranen Balustraden, Brüstungen oder Säulen versehenen Loggien erwiesen sich als hilfreich, wenn der Kurgast – was häufig vorkam – die frische Seeluft oder den glühenden Sonnenuntergang genießen, sich zu diesem Zweck aber mitnichten aus dem Haus begeben wollte. Außerdem wurden hier gern Frühstück oder Tee gereicht. Dank der erfolgreichen Bemühungen zum Erhalt der Bäderarchitektur steht diesem Genuss auch heutzutage nichts im Wege. Information und Buchung unter www.auf-nach-mv.de und Tel.: +49 (0) 381 40 30 500

Quelle: Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V.

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