Hast du einen Vogel?

Im Herbst bevölkern Tausende Zugvögel die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Dann ist Hochsaison für Naturfotograf Mario Müller. In einem Fotoworkshop hat er uns seine Tricks für das perfekte Bild beigebracht.

Es ist ein frischer Spätsommerabend. Hier, mitten in der Vorpommerschen Boddenlandschaft, nahe dem kleinen Ort Bresewitz, ist es mucksmäuschenstill. Das Korn ist abgeerntet und liegt, zu großen Strohballen gerollt, auf den Feldern. Erst ganz leise, dann immer lauter hören wir Geschnatter. In V-Formation kommen viele Vögel auf uns zu. Sie fliegen geradewegs an der untergehenden Sonne vorbei in Richtung der Insel Kirr, die Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft ist, der sich fast über die gesamte Halbinsel Fischland-Darß-Zingst erstreckt. Es sind Kraniche, die die Nacht auf der Insel verbringen werden. Wie auf Kommando reißen wir unsere Kameras in die Höhe und fotografieren, was das Zeug hält. Mit der Stille ist es vorbei. In das Geschrei der Kraniche mischt sich das unaufhörliche Klicken der Kameras. Kaum sind die Vögel außer Sichtweite, wird es wieder schlagartig ruhig – bis zum nächsten Vogelschwarm.

Wir nehmen an dem zweitägigen Fotoworkshop „Die Faszination des Vogelzugs an der Küste“ des Max Hünten Hauses in Zingst teil. Das MAX, wie es die Zingster gerne nennen, ist die zentrale Anlaufstelle für Touristen, wenn es um Fotografie geht. Hier finden Workshops, Ausstellungen, Konferenzen und Seminare statt. Der absolute Höhepunkt im Jahr ist das Umweltfotofestival »horizonte zingst«, veranstaltet im Juni von der Vereinigung Erlebniswelt Fotografie Zingst. Es ist Treffpunkt für Fotoexperten und Fotofreunde aus aller Welt und bietet über zehn Tage ein vielfältiges Programm. Die Philosophie, die hinter allem steckt, ist die Liebe zur Natur und der behutsame Umgang mit ihr.

Die Hochsaison der Zugvögel hat begonnen, denn sie alle machen, auf dem Weg in den Süden, Halt auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Vor allem die Inseln Kirr und Barther Oie, die zwischen dem Festland und der Halbinsel liegen, sind bei den Tieren als Nachtquartiere beliebt. Tagsüber fliegen sie zum Fressen auf das Festland und stehen dort zahlreich auf den Feldern. „Jetzt, zu Beginn der Saison, finden wir vorwiegend einheimische Kraniche hier“, erklärt Workshopleiter und Naturfotograf Mario Müller.

„Im September kommen dann noch skandinavische und osteuropäische Kraniche dazu. Dann haben wir circa 100.000 Tiere zu Besuch.“ Und mit den Zugvögeln kommen die Naturfotografen. Unsere Gruppe besteht aus zwölf ganz unterschiedlichen Menschen, vom Vogelkundler bis zum leidenschaftlichen Hobbyfotografen. Ausgerüstet sind wir mit großen Objektiven, Kameras und Stativen. Das Equipment konnten wir uns im Max Hünten Haus ausleihen. Schnell kommen wir zu der Erkenntnis: Ein Naturfotograf muss bereit sein, schwer zu tragen.

Doch zum Glück ist unser Weg an diesem Abend nicht so weit: Ein Aussichtspunkt gegenüber der Insel Barther Oie ist das Ziel. Hunderte von Vögeln sind auf und über der Insel – und vom Festland kommen stetig mehr. Der Lärm ist unglaublich: Überall um uns herum zetern Gänse und trompeten Kraniche. „Denkt daran, den Kopf der Tiere zu fokussieren“, ruft Mario Müller. Die Frau neben ihm hält inne und fängt an zu lachen: „Ich bin schon froh, wenn der Vogel irgendwo scharf ist.“ Stimmt: Die Tiere fliegen so schnell, dass es einem Wunder gleicht, wenn man überhaupt ein ordentliches Bild hinbekommt. Die meisten Regeln, die Mario uns mittags in der Theorie beigebracht hat, sind vergessen: mal gegen das Licht fotografieren, um den Vögeln eine schöne Umrandung zu geben. Die Flügel in ihrer Bewegung unscharf abbilden. Für uns zählt gerade nur eins: wenigstens einen Vogel halbwegs scharf festzuhalten.

Nach unserem Besuch an der Insel Barther Oie machen wir uns auf den Weg zur Meiningenbrücke. Sie verbindet das Festland mit der Halbinsel. Von hier aus bietet sich uns ein wunderschöner Blick auf die Vorpommersche Boddenlandschaft, die jetzt im Sonnenuntergang liegt. „Wenn die Kraniche vorbeifliegen, könnt ihr tolle Bilder machen“, verspricht uns Mario Müller. Ja. Wenn. Wie wir später feststellen, sind die Kraniche hinter unserem Rücken vorbei auf die Inseln geflogen. „Das ist das Risiko eines Naturfotografen“, sagt Mario Müller. Wir nehmen es mit Humor, denn am nächsten Morgen bekommen wir noch einmal eine Chance.

Es ist 6 Uhr, als wir uns auf den Weg zum Bernsteinparkplatz in Prerow machen – wir sind noch nicht ganz wach, aber voller Tatendrang. Unser Fotomotiv heute: Zugvögel am Strand. Mario erklärt uns auf dem Weg, auf was wir achten sollen: immer auf Augenhöhe mit den Tieren sein, eine seichte Wasserstelle ist ein guter Platz, um die Vögel beim Baden zu beobachten. Alles klar. In der Ferne zeichnet sich der Darßwald als dunkelgraue Silhouette ab. Früher diente er pommerschen Herzögen, später Reichsministern und noch später DDR-Funktionären als Jagdrevier. Im September 1990, wenige Tage vor der Wiedervereinigung, war damit Schluss. Da wurde der Nationalpark eingerichtet. „Ohne den Schutz des Nationalparks wäre auch der Rastplatz der Kraniche undenkbar“, erklärt Mario, während wir am Strand entlangspazieren.

Und dann geht es plötzlich ganz schnell: Der erfahrene Naturfotograf hat eine Gruppe Alpenstrandläufer und Sanderlinge ausgemacht und wirft sich bäuchlings in den Sand. Die kleinen braun gefiederten Vögelchen tippeln zwischen Algen hindurch und fangen kleine Insekten. Also tun wir es Mario Müller schnell gleich. Ob das was wird? Später bei der Auswertung der Bilder zeigt sich: Trotz der flinken und auch gänzlich unkooperativen Fotomodelle haben die meisten der Workshopteilnehmer tatsächlich ein paar ungewöhnliche Bilder zu präsentieren. „Auch ich mache oft tausende Bilder, um am Ende das eine außergewöhnliche zu haben“, erzählt Mario Müller zum Abschluss des Workshops. Das beruhigt uns. Weniger ist beim Fotografieren eben nicht unbedingt mehr.

Kurzportrait zur Reportage: Fotograf Mario Müller

Grau-braun gemusterte Tarnjacke im Partnerlook mit dem Objektiv der Kamera und der Hose: Fast könnte man Mario Müller in der Natur übersehen. Der gelernte Bauingenieur verbringt jede freie Minute mit seinem Hobby, der Tierfotografie. Die passende Ausrüstung ist für ihn das A und O. Auch seine zweite Leidenschaft zieht ihn raus in die Natur: Er ist ehrenamtlicher Seeadler-Regionalkoordinator und Ornithologe. Regelmäßig überwacht er den Bestand der Seeadler und beringt im Mai die Jungtiere, damit er sie in Zukunft identifizieren kann.

Augen auf – Kranichbeobachtung in Mecklenburg-Vorpommern

Im September und Oktober legen Zehntausende Kraniche ihre Rast im Nordosten auf dem westeuropäischen Zugweg ein und bezaubern Beobachter mit Eleganz und Grazie. Bei Kranichritten, geführten Wanderungen oder Bootsfahrten können die Vögel des Glücks aus der Nähe betrachtet werden. Informationen zu Beobachtungsmöglichkeiten und Angebote gibt es unter: www.auf-nach-mv.de/kraniche.

Alles über Fotografie in Zingst

Das ganze Jahr über bietet das Max Hünten Haus Fotoworkshops für Einsteiger- und Profifotografen an: Teilnehmer können hier einmalige Bilder vom Kranichflug oder der Hirschbrunft schießen, die Grundlagen der Bildgestaltung oder die besten Kniffe der Bildbearbeitung mit Adobe Lightroom erlernen und vieles mehr. Kameras und das nötige Equipment können vor Ort ausgeliehen werden. Außerdem bietet das Max Hünten Haus einmal im Jahr eine zweitägige Plattform für junge Fotografen, die sich weiterentwickeln möchten – die „Fit for future.“ Alle Termine und weitere Infos unter: www.erlebniswelt-fotografie-zingst.de.

Weitere Informationen über das Ostseeheilbad Zingst unter: www.zingst.de.

Mehr zum Urlaub auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst unter: www.fischland-darss-zingst.de.

Quelle: Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V.

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